Nachgefragt – Ein Interview mit Chris Campe

Nachgefragt ist eine Interviewreihe mit anderen KalligrafInnen und SchriftkünstlerInnen. Ich finde es selbst sehr inspirierend, mich mit KollegInnen auszutauschen, einen Einblick in ihre Arbeitweise und Motivation zu erhalten.

Ich weiss gar nicht, wo mir Chris das erste Mal begegnet ist. Ich glaube, es war auf Instagram. Seit dem bin ich begeistertes Fangirl. Ich mag ihr fundiertes Wissen, ihre Professionalität und Strukturiertheit. Die Lettering Bücher stehen seit Erscheinen in meinem Regal, sind gleichzeitig Inspiration und Nachschlagewerk.

Danke Chris, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

© Norman Posselt · www.normanposselt.com

Chris Campe

Schritlich

Wie kam Lettering in dein Leben?
Ich habe Illustration studiert und im Studium angefangen, Schrift zu zeichnen. Viele meiner Zeichnungen waren eine Kombination von Bild und Text. Den Begriff „Handlettering“ habe ich während meiner Diplomzeit ungefähr 2008 auf der Website der britischen Illustratorin Linzey Hunter aufgeschnappt. In Deutschland wusste damals noch niemand, was Lettering ist.

Was bedeutet die Arbeit mit Schrift und Worten für dich?
Ich schreibe gerne und ich zeichne gerne. Am Lettering mag ich, dass dabei Text und Bild in eins fallen: Es ist sowohl Inhalt, als auch gestaltete Form. Ich zeichne illustrative Schrift, das heißt, ich verwende Schrift als Bild und will mit der Form der Buchstaben immer schon eine Idee vom Inhalt des Texts vermitteln.

Wenn du nur mit drei deiner Schreibwerkzeuge arbeiten dürftest, welche wären das?
Mit einem gewöhnlichen Bleistift in der Härte HB, einem Pinselstift und dem ewig alten Pelikan-Füller von meiner Oma würde ich auskommen. Im Moment ist der kleine Wasserpinsel von Pentel mein Favorit.

Wie kommst du am besten in einen kreativen Schaffensmodus? Und wie schaffst du es, aus einer Schaffensblockade rauszukommen?
Gestalten ist mein Lebensmodus. Es ist außerdem meine Arbeit und die tue ich einfach, da gibt muss ich nicht erst in einer besonderen Stimmung sein. Allerdings geht mir diese Arbeit ausgeschlafen und satt natürlich leichter von der Hand, als müde und hungrig.

Wenn ich einen Knoten im Kopf habe, gehe ich Laufen. Bewegung bringt mich immer auf neue Gedanken. Die besten Ideen habe ich, wenn ich nach einem langen Tag und viel Kopfarbeit ganz schnell mit dem Rad nach Hause fahre. Manchmal, komme ich dort spät und hungrig an und gerate ich buchstäblich in einen Ideenrausch. Dann schreibe erst mal eine halbe Stunde auf – noch bevor ich die Jacke ausziehe.

Meistens arbeite ich an mehreren Aufträgen und Projekten parallel: Komme ich mit dem einen nicht voran, mache ich mit einem anderen weiter. Ich teile mir große Projekte in kleine Schritte ein. Erst mal Ideen sammeln, dann recherchieren, skizzieren, zeichnen, überarbeiten. So kann ich öfter mal etwas auf meinen Listen abhaken, arbeite selten den ganzen Tag nur an einem Projekt und bringe alles Stück für Stück voran. An einem durchschnittlichen Tag schreibe ich vielleicht zwei Stunden an einem Buch, kümmere mich eine Stunde lang um Mails und Orga-Dinge, zeichne für zwei, drei Stunden und bearbeite noch zwei Stunden Bilder am Computer.

Handbuch Handlettering von Chris Campe – Eigene Buchstaben und illustrative Schrift gestalten. Haupt Verlag, 2017, ISBN 978-3-258-60165-6

 

Eine meiner Lieblingsseiten aus dem Brush Lettering Buch – über Buchstabenverbindungen

 

Frühe Skizzen für den Seitenplan, Juni 2016

Persönlich

Welche Texte und inhaltliche Schwerpunkte finden in deine Arbeit?
In meiner Arbeit geht es oft um Sprache als Ausdrucksmittel und Material. Ich interessiere mich für Normen und Regeln – in der Typografie und was Gender angeht. Mich interessieren Ambivalenzen und Bereiche, in denen sich mehrere Themen überlappen, wie zum Beispiel Schriftgestaltung und Illustration beim Lettering.

An welchen Projekten arbeitest du gerade? Was beschäftigt dich?
In den vergangenen zwei Jahren habe ich zwei Fachbücher über Lettering geschrieben – das Handbuch Handlettering (Haupt Verlag) und das Praxisbuch Brush Lettering (mitp Verlag) – 400 Seiten insgesamt. Jetzt kommen noch einmal 200 Seiten dazu, denn ich schreibe gerade das nächste Buch über Schrift – dieses Mal zusammen mit einer Freundin. Danach mache ich dann erst mal ein Buch-Sabbatical. Ununterbrochen an so komplexen Großprojekten wie Büchern zu arbeiten und dabei alles selbst in der Hand zu haben – Konzept, Texte, Bebilderung, Buchgestaltung und die Reinzeichnung – das ist auf die Dauer wirklich anstrengend.

Nebenbei arbeite ich an Aufträgen für Verlage und Agenturen, schreibe in meinem Kopf an einem Blog, den es immer noch nicht gibt und entwickle neue Ideen für meinen Instagram- Feed und weitere Bücher.

Wobei entspannst du dich?
Jeden Morgen mache ich ein paar Runden Sonnengrüße, manchmal auch abends. Ich lese jeden Tag: morgens meistens Sachbücher, die sind Kaffee für mein Gehirn, und abends ein paar Seiten Roman, als Puffer zwischen meinen eigenen Gedanken und dem Schlaf. Ich schreibe fast jeden Abend Tagebuch. Ich fahre überall mit dem Rad hin und gehe jeden zweiten Tag laufen.

Welches Buch hat dich als letztes berührt?
Artful von Ali Smith* (Auf deutsch Wem erzähle ich das?*) und Die Wand von Marlen Haushofer* und Wasting Time on the Internet von Kenneth Goldsmith*.

Führst du ein Skizzenbuch/Tagebuch/Journal?
Seit meinem 13. Geburtstag schreibe ich Tagebuch. Meist führe ich mehrere Skizzenbücher und Notizbücher parallel und ich nutze die Notizfunktion im Handy.

Chris Campes Zeichentisch im Büro

 

Nach den ganzen kleinen Beispielen vom Brush Lettering Buch- auch mal in groß gemalt mit einem Schwammpinsel

Perspektivisch

Was rätst du jemandem, der mit Lettering anfangen möchte? Wo beginne ich, wie nähere ich mich dem Thema?
Es ist eine gute Idee, zu Beginn an einem Einführungsworkshop teilzunehmen. Dort zeigt jemand, wie man den Stift richtig hält und worauf es ankommt. Nach dem Workshop braucht man dann ein bisschen Disziplin um mal ein paar Wochen lang jeden Tag zu üben. Gar nicht stundenlang, 20 Minuten reichen schon – nach zwei, drei Wochen passiert dadurch total viel und das motiviert, weiterzumachen. Sinnvoll ist es auch, sich die Arbeit anderer genau anzusehen und dabei nicht nur zu denken „Oh, toll!“, sondern sich auch zu fragen „Was gefällt mir daran?“, „Warum funktioniert das?“ So schult man das Auge und die Fähigkeit auch das eigene Tun analytisch zu betrachten.

Lettering: Wohin entwickelt es sich? Welche Bedeutung hat es?
Lettering hat sich inzwischen aufgeteilt in zwei Bereiche: Es gibt Lettering als Hobby und Lettering als Design. Ich wäre nicht überrascht, wenn das Interesse an Lettering als Hobby über kurz oder lang wieder abebbt. Einerseits, weil die Verlage, die das Thema mit schnell gemachten Büchern befeuern, dann neue Themen für neue Bücher brauchen. Und andererseits, weil es zwar meditativ ist, Lettering zu üben, aber eben auch ziemlich lange dauert, bis man darin wirklich souverän wird. Lettering als Spezialgebiet der Gestaltung, bei dem es um maßgeschneiderte Schriftlösungen für Designprobleme geht – das hat es immer gegeben, wird es immer geben.

Das große Interesse an Lettering, hat in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass individuelle, ausdrucksvolle Schrift als wieder sehr wertgeschätzt wird und dass man überall viel mehr schöne Schrift sieht.

Im Tielbild: Beispiele und Alphabete aus dem Brush Lettering Buch

Hier findest du Chris Campe mit ihren Büchern und Portfolio

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Bücher | Ein Überblick über die Bücher von Chris Campe auf ihrer Website

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