Wenn ich auf den Oktober zurückblicke, fällt mir zuerst ein, wie mühsam und zäh er war. Eine Erkältung, die mich gleich zu Beginn des goldenen Monats (der mir dieses Jahr gar nicht so golden vorkam) ereilte, zog sich bis zum Ende in einem nervenden Auf und Ab hin und raubte mir nicht nur Nerven, sondern auch Kraft. Zur Pause gezwungen, verdichteten sich danach die Anforderungen, weil das Liegengebliebene dennoch Raum brauchte. Schliesslich galt es, Deadlines einzuhalten. Termine, wo andere von meiner Leistung abhängig waren.
Schaue ich mir aber meine Fotos an, dann sehe ich auch ganz viel Schönes, was zwischendrin und gleichzeitig passiert ist. Doch statt einfach einen dokumentarischen Monatsrückblick zu schreiben, habe ich überlegt, was denn meine Erkenntnisse aus dem Oktober waren, was ich gelernt und erfahren habe. Fünf Überschriften konnte ich finden: Familie, Freundschaften, Natur, Kompetenz und Selbstfürsorge.


Erkenntnisse über meine Familie
Sie ist die Basis hier. Der ganze Alltag dreht sich um die Menschen, die mich umgeben. Klar, wir leben miteinander, gehen uns auf den Keks und sind füreinander da. Wir haben kleine liebenswerte Traditionen (zum Beispiel unser alljährliches Wiesn-Dahoam-Essen zur Oktoberfestzeit), Spleens und Eigenheiten, feiern Feste und gehen uns auch mal aus dem Weg.
Als ich eine Woche lang nicht verfügbar war und auch der Mann Vollzeit gearbeitet hat, haben die Kinder sich miteinander organisiert: Der Wolf (mittlerer Sohn) holt den Jüngsten von der Schule ab an Nachmittagen, wo kein Bus fährt, die Tochter nimmt ihn mit zu Ikea, weil sie nicht allein sein will. Der Wolf fährt die Tochter zu einem Termin und geht mit dem Jüngsten zum HNO. Und wenn alle beieinandersitzen, ist es lustig. Sie sind alle drei so klug, witzig und schlagfertig, dass mir jedes Mal das Herz aufgeht, wenn ich sie miteinander erlebe.
Dann war da noch die Hochzeit unserer grossen Kinder bzw. Stief- und Schwiegerkinder. Der Sohn des Mannes hat geheiratet. Nun haben wir ganz offiziell eine ganz wunderbare (Bonus-)Schwiegertochter zu dem ebenso wunderbaren Sohn und obendrauf den entzückenden Enkel. Es war eine schöne Feier!
„In meinem Glücksmomenteglas kommst du ganz schön oft vor“, schrieb ich neulich der Tochter. Ich mag unsere Spaziergänge, die Gespräche und unsere kleinen Verrücktheiten, die uns verbinden. Die Tochter hatte durch eine Lieferung viele grosse Kartons. Daraus hat sie sich ein Kartonhaus gebaut und mich zum Tee eingeladen. Also sassen wir zwei in der Werkstatt im Kartonhaus auf Schaffellen, haben Tee getrunken und die Urlaubsbilder aus Norwegen angeschaut.
Fazit: Ich liebe meine verrückte, tolle Patchwork-Familie (auch wenn sie mich zeitweise wirklich Kraft kostet) und bin sehr dankbar für diese wunderbaren Menschen um mich herum, für ihren Humor, ihre Fürsorge und ihr ehrliches Sein. Und ich habe gelernt: Die Kinder können das. Ich werde weniger gebraucht, und manchmal ist es gut, einfach nicht verfügbar zu sein, damit andere zeigen können, was in ihnen steckt.

Erkenntnisse über Freundschaften
Dieses Jahr beschäftigen mich immer wieder Freundschaften. Vielleicht kommt das mit dem Älterwerden. Manchmal fühle ich mich ganz einsam hier, nur von meiner Familie umgeben, aber ohne lokale Freundschaften. Manchmal ist es ein echter Schmerz, dass meistens ich diejenige bin, die sich meldet oder Kontakt aufrechterhält. Vielleicht, weil ich so viel öffentlich schreibe und die Menschen eh mitbekommen, wie es mir ungefähr geht oder was los ist im Leben? Oder weil unser aller Leben einfach voll von Alltag ist. Ich denke über Erwartungen, Bedürfnisse und die verschiedenen Arten von Freundschaften nach, die ich in meinem Leben habe.
Ich führe Gespräche mit anderen darüber, dass es gar nicht mal so leicht ist, neue Freundschaften zu schliessen. Das war während der Schulzeit, während der Ausbildung oder auch als die Kinder noch kleiner waren, einfacher. Weil man Zeit miteinander verbringt, sich kennenlernt, gemeinsam Dinge erlebt – und so etwas entstehen kann. Ich denke darüber nach, wie ich wieder in Situationen kommen kann, wo der Boden für die Samen einer Freundschaft günstig ist. Denn ja, wenn mein Gehirn mir Einsamkeit vorgaukelt, dann frage ich mich schon: Wer ist denn wirklich für mich da, wenn es mir nicht gut geht? Wer fragt nach, sorgt sich, kommt vorbei? Mit wem will ich meinen Geburtstag feiern, mit wem älter werden?
Im Oktober sind ein paar kleine Wunder passiert, die mir richtig, richtig gut tun. Eine Freundin hier vor Ort, die ich erst seit ungefähr einem Jahr kenne, lud zu einer Feier bei sich ein. Daraus wurde ein ganz wunderbar leichter Abend mit gutem Essen, schönen Gesprächen, Leichtigkeit und Gitarrenmusik. Es hat sich ein bisschen wie eine WG-Feier beim Studium angefühlt. Grad dass wir nicht gekifft haben. Das tat so gut. Ich bin um 17 Uhr hingegangen, wollte nur bis maximal 20 Uhr bleiben und war am Ende erst um 23 Uhr zu Hause.
Dann habe ich einen eher flüchtigen Freund aus Zeiten meiner Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin wieder aufgetan. Ich hab an ihn gedacht, geschrieben, und nun erinnern wir uns gemeinsam an alte Zeiten (unsere Klassenfahrt nach Rom, den Rettungsschwimmerkurs …) und holen auf, was wir die Jahre dazwischen verpasst haben: das ganze pralle Leben, das uns widerfahren ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben (das war auf einen Tee in Freiburg am Hauptbahnhof). Auch hier: Leichtigkeit und Verbindung.
Der Knaller war jedoch bei einem Kalligrafiekurs (von dem ich auch unbedingt noch berichten will). Dort habe ich mich mit einer Frau getroffen – wir kennen uns schon eine Weile aus meinen Kursen – und ganz wunderbare Gespräche geführt. Irgendwann sagte sie, dass sie es ganz toll findet, jetzt hier mit mir zu sitzen, als Freundin und nicht als Kursteilnehmerin. Und das hat mich sehr berührt. Ich hab dann nochmal ganz offiziell gefragt, ob sie denn meine Freundin sein will. Das haben wir lachend mit einer Umarmung und Daumendruck (aber ohne Blut) besiegelt. Darüber muss ich noch immer schmunzeln, wenn ich daran denke.
Fazit: Freundschaften fallen manchmal einfach wie ein Geschenk vom Himmel. Es darf leicht sein!

Erkenntnisse über Natur
Gerade habe ich auf Instagram ein Zitat gelesen, das so viel sagte wie: „20 Min. online zeigen dir, was falsch ist mit der Welt, 20 Min. draussen all das, was richtig ist.“ Ich kann immer wieder bestätigen, wie gut es mir tut, in der Natur zu sein. Gerade im Oktober. So viel Reichtum, Fülle und Schönheit! Unser Apfelbaum hat dieses Jahr zum ersten Mal erntbare Äpfel getragen. So richtig viele. Ausserdem war ein toller Pilzmonat. Die Spaziergänge durch den Wald mit der Tochter bescherten uns Champignons, Maronen, Steinpilze und auch einen Birkenpilz. Es macht so Spass, durch den Wald zu stromern (auch wenn ich am Anfang immer ein bisschen jammere, wenn die Tochter Wege ausweitet, uns durch Gestrüpp und Wiesen führt). Ich freue mich an den Spaziergängen selbst ebenso wie an der Landschaft, dem Himmelsspiel in der Dämmerung, den Farben, Gerüchen und grossen wie kleinen Wundern draussen. Ich staune über klare Sternenhimmel, Regenbogen, Wolkenbilder und Tiere, die uns begegnen.
Der Garten hat uns neben den Äpfeln im Oktober eine reiche Ernte an Chili gebracht, wunderschöne Dahlien, Kräuter gegen die Erkältung und noch etwas Rucola auf die Pizza.
Fazit: Es braucht immer ein wenig, mich auf das Draussen einzulassen, aber dann ist es so nährend und toll. Ich kann mich von kleinen Details, Schönheit und Natur immer wieder verzaubern lassen. Das ist auch eine Gabe.


Erkenntnisse über meine Kompetenz
Die Gabe führt mich zur nächsten Kategorie. Die meiner Kompetenz und meines Könnens. Ich bin ja eine alte Selbstzweiflerin mit stillen Saboteuren und harten inneren Kritikern. Das beschäftigt mich in den letzten Jahren immer wieder. Da habe ich Abitur, Ausbildung und ein Diplomabschluss (sogar mit 1,0), jahrelange Erfahrung, Weiterbildungen als Yogalehrerin, Krisen-, Trauer- und Sterbebegleiterin, Kalligrafin, Life Trust Coach und Seelsorgerin – und trotzdem immer wieder das Gefühl, dass es noch nicht genug ist. Dass ich noch nicht genug bin.
Doch jetzt im Oktober kam eine sehr intensive Erkenntnis von „Ich bin gut“. Ich bin kompetent. Ja, ich mache auch Fehler, habe Unzulänglichkeiten, verrenne mich manchmal und bin in erster Linie Mensch. Aber ich bin gut. In dem, was ich tue, wer ich bin und was ich weiss. Nicht nur als Gestalterin, sondern auch als Wegbegleiterin, Coachin und Seelsorgerin. Ja, es gibt immer noch Dinge, die ich nicht kann, die nützlich wären zu wissen oder zu lernen. Aber ich bin gut. So nämlich.
Dazu braucht es kein Fazit. Es ist das Fazit.
Wo mir die Erkenntnis kam? Beim Aktzeichnen, im Kalligrafiekurs, beim Fotografieren eines Grashüpfers, als ich daraufhin alte Drucke aus meiner Ausbildungs- und Studienzeit rausgesucht habe, bei meiner Arbeit an der Schule, wenn es mir gelingt, schwierige Situationen zu lösen oder ein Kind auch einfach dort abzuholen, wo es in seiner (inneren) Not gerade steht. In der Seelsorge, im Austausch und schlussendlich auch im Gespräch über Trauer mit Maria von Mariengold und Laura von 1000Rehe beim Podcast „Echte Puppen“, für den ich im Oktober in Berlin war. Die Folge erscheint im November.


Erkenntnisse über Selbstfürsorge
Und damit kommen wir zur nächsten Überschrift, die gleichzeitig eine in den vergangenen Jahren erarbeitete Kompetenz von mir ist: Selbstfürsorge. Ja, manchmal passiert es mir, dass ich über meine Grenzen gehe und nicht so gut auf mich achte. Dass ich nicht gut zu mir bin und keine Pausen mache, wenn ich sie brauche, oder schlecht über mich denke oder zu streng mit mir bin. Aber es gibt auch viele Momente, wo ich wirklich gut für mich sorge.
Im Oktober habe ich Termine abgesagt und meine Arbeit ruhen lassen, weil ich erkältet war. Ich hatte kein Fieber und war nicht im Bett, aber alles war anstrengend und ein bisschen zu viel. Also habe ich es mir gemütlich gemacht, Salbeitee aus dem Garten getrunken, inhaliert und sogar Hühnersuppe gegessen (obwohl ich mich sonst zu 99 % vegan ernähre). Ich hab mir die Pausen zugestanden, auch wenn es mir anfangs nicht leicht fiel, denn Termine abzusagen bedeutet als Selbstständige oft auch, auf Einkommen zu verzichten.
Ich hab mir Zeit für mich genommen, mich mit Schönheit umgeben und Dinge nur für mich getan: ein Erntedankkörbchen auf dem Tisch statt dem Gottesdienst mit Erkältung, ein Friseurbesuch, Aktzeichnen und ein Kalligrafiekurs. Ausserdem habe ich mich um Rezepte und Überweisungen (Ergotherapie, Knochendichtemessung, Rheumatologie – was man eben so macht mit fast 50…) gekümmert und einen neuen Therapie-Antrag gestellt, weil es mir gut tut, mit manchen Themen nicht allein zu sein. Selbstfürsorge heisst auch, sich Hilfe zu holen. Wir kochen regelmässig, ich achte auf ausreichend Schlaf und trinke keinen Alkohol. Den Oktober habe ich statt einer Halloweenparty mit dem ersten Schwimmtraining dieser Saison für mich verabschiedet (und heute Muskelkater davon).
Fazit: Ich kann gut für mich sorgen und habe mir einen gewissen Selbstfürsorge-Level eingerichtet. Wenn es mir mal nicht so gut gelingt, falle ich nur so tief, wie mein Grund-Standard, der meistens gut funktioniert. Essen, Schlafen, Rausgehen, Dankbarkeit, Schönheit, Freude.


Sonstige Erkenntnisse
Dann gab es noch ein paar weitere Mini-Erkenntnisse, die in keine der fünf oberen Kategorien passen. Diese seien hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Jetzt freue ich mich auf einen ebenso erkenntnisreichen, prallen und schönen November. Mal sehen, was sich durch den Novembernebel hindurch zeigt.
***
Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine virtuelle Teekasse. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3



