Die Sommerpostkarten sind ein bisschen weniger und unregelmässiger geworden. Das ist ein Zeichen von Fülle hier im Urlaubsalltag. Wir hatten drei Wochen Besuch, haben Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht, Spaziergänge und Stadtbummel. Nun wird es wieder ruhiger – oder wilder. Je nachdem, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke. Ich bin etwas sommer-end-melancholisch. Das Septemberlicht legt sich golden in die Abende. Das mag ich ja auch. Dennoch möchte ich die Zeit noch etwas anhalten. Ich muss da immer an Faust und den Pakt mit dem Teufel denken. An „verweile doch, du bist so schön“. Und zack, hätte der Teufel gewonnen.
Aber das Rad der Zeit dreht sich weiter. Und so haben mich längst Alltag und To-Do’s wieder eingeholt, trotz der Ferien, die hier noch bis Mitte September andauern. Dann beginnt das tägliche … nein Hamsterrad will ich es nicht nennen, das klingt so ohnmächtig … die Verpflichtungen jenseits der Ferien. Der Alltag.
Ein paar Postkarten habe ich aus meinem Sommer geschrieben. 17 sind es geworden, statt der geplanten 31. Aber ich sehe das nicht als Versagen, sondern freue mich, dass es so viele geworden sind. Und ich damit in meine Schreibfreude zurückgefunden habe. Deshalb teile ich mal ein paar Erkenntnisse aus dem Experiment.
1000 Worte
Der Anstubser zum Schreiben war das Buch „1000 Words“ von Jamie Attenberg, das durch einen Impulskauf (was Bücher bei mir oft sind) im Boesner zu mir gefunden hat. Das Buch habe ich nebenbei gelesen und bin auch noch nicht fertig. Es beschäftigt sich aus vielen Perspektiven mit der Frage, warum wir schreiben, wie wir regelmässig schreiben können und mit unseren eigenen Kritikern umgehen können. Kleine kurze Kapitel, leicht zu lesen und von verschiedenen Autor*innen, die mitgewirkt haben und ihre Expertise teilen.
Nun schreibe ich keine Romane oder Essays, aber mit den Jahren ist Schreiben zu einer wertvollen Ergänzung meines Repertoires an Ausdrucksmöglichkeiten als Künstlerin geworden, auch wenn ich mich selbst trotz einiger Veröffentlichungen, z.B. im Handschrift Magazin, nicht als Autorin bezeichnen würde.
Wenn ich ein Buch lese, unterstreiche ich mir das, was mich berührt oder ich gerade wichtig finde. Ich bin noch nicht fertig mit dem Buch, aber ich möchte dennoch einige meiner Notizen mit dir teilen.
- Die Autorin stellt ganz zu Beginn die Frage, ob ich für mein tiefes, persönliches, kreatives Selbst sorge und ihm die Nahrung gebe, die es verdient. Diese Frage lasse ich noch etwas länger mitschwingen.
- Bryan Washington schreibt: „Wenn wir Liebe in unsere Arbeit legen, wird das spürbar.“ – Das ist verrückt, aber es ist tatsächlich so. Also würde eine subtile, unsichtbare Ebene mitschwingen. Faszinierend.
- Jamie Attenberg fragt ausserdem nach dem eigenen Schreibkompass und schlägt vor, wenn wir etwas wollen, alles zu tun, was notwendig ist, um es zu bekommen. Oder dazu zu stehen, wenn wir beschliessen sollten, den Weg nicht zu gehen.

Über meine Sommerpost
Ich habe mir als 1000 Worte-Projekt meinen Blog ausgesucht. Das Ziel: Täglich eine virtuelle Sommerpostkarte zu versenden in Form eines Blogposts. Ohne Druck, ohne Anspruch auf Perfektion. Eben wie Postkarten aus dem Leben. Aus meinem Sommer. Es war mir auch nicht wichtig, auf 1000 Wörter zu kommen.
Meine Beiträge waren spontan. Ich habe eine Blog-Ideen-Liste mit Themen, über die ich schreiben möchte. Bücher, Ausflüge, Beobachtungen, Fragen, Alltagsgedanken. Ich habe anfangs immer an dem geschrieben, worauf ich gerade Lust hatte und so veröffentlicht, wie sie fertig wurden. Später kamen Ausflüge hinzu. Als die Ausflugsberichte sich häuften, habe ich die Lust verloren, weil mir dabei die Tiefe fehlte. Also nicht nur beim Schreiben, sondern auch der Art der Ausflüge.
Im Nachhinein wurde mir beim Reflektieren klar, dass ich drei Wochen zwar wirklich Freude an unserem Besuch hatte, mich aber selbst zurückgenommen und angepasst habe. Das ist mir leicht gefallen, aber ich habe nachträglich gemerkt, dass ich mir selbst etwas zu kurz gekommen bin. Ich brauche anderen Input, einen anderen Rhythmus, andere Seelennahrung.
Mit anderen Augen in der Welt unterwegs
Dennoch ist aufgefallen, dass ich, mit der Sommerpost im Hinterkopf, wieder viel mehr und anders fotografiert habe. Das hat mir Spaß gemacht. Auf Details achten, im Kopf kleine Geschichten erzählen. Ich habe wieder mehr Fotos im Querformat für den Blog gemacht oder zwei Versionen, hoch und quer.
Ich fand es hilfreich, eine Ideensammlung als Liste zu haben und mir zwischendrin Notizen zu machen: manchmal einzelne Worte, Textfragmente, Zitate, Beobachtungen oder Ideen. Manchmal halbe Blogposts, die ich im Auto am Handy getippt habe.

Mein Fazit
Es war auf jeden Fall gut, mein Sommerpost-Projekt zu starten. Ich habe bemerkt, dass die Worte raus wollen und es mir viel besser geht, wenn ich sie schreibe. Bloggen macht mir viel mehr Freude, als Inhalte für Social Media zu erstellen oder irgendwelchen Zahlen nachzulaufen. Der Blog ist mein Zuhause, meine Leinwand, meine Bühne.
Ich habe mich sehr über Teekassengeklimper aller Art gefreut und persönliche Kommentare und E-Mails zu meiner Sommerpost. Es war ein guter Auftakt, wieder reinzukommen ins Schreiben und meinen ausgetrockneten Blog wieder zu gießen.
***
Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine virtuelle Teekasse. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3



