Novembernebel – Übergang ins neue Jahr

Es ist, als würde bereits im November das neue Jahr beginnen. Mein Geburtstagsmonat, ein neues Lebensjahr ja eh. Aber auch sonst – ein Übergang. Das sehe ich auch in der Natur. Sterben, Rückzug, wintern. Und so spüre ich das jedes Jahr. Im November ziehe ich mich nach innen. Ich reflektiere, aber ich bereite auch das kommende Jahr vor. Manchmal nur mit kleinen Gesten: den neuen Kalender kaufen, durch Erinnerungen blättern oder den Jahresrückblick vorbereiten.

Zwischenraum Novembernebel

Eine Übergangszeit, in der das Alte noch nicht gegangen ist, das Neue noch nicht da. Ein Zwischenraum. Das passt auch ein bisschen zur Natur im November. Wir sind oft von Nebel umgeben, von grau und Wolken, Nieselregen. Die Konturen verwischen, die Welt ist manchmal nur zu erahnen, gedämpft, modrig, still. 

Ich sehne mich nach Langsamkeit und Einfachheit und merke gleichzeitig, wie sich inmitten dieser Stille, dieses Nebels, neue Ideen bilden. Es ist wie ein Geburtsort, wie eine warme Bauchhöhle, wo etwas Neues entstehen kann. 

Und hier fällt mir Rilke ein:

„Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann; alles ist Austragen – und dann Gebären… Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit… Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.“
– Rainer Maria Rilke, aus den ‚Briefen an einen jungen Dichter‘, 1903

novembernebelwald

Innehalten im Novembernebel

In diesem meinen Nebel ist es gerade in diesem Augenblick tatsächlich sehr friedlich und still. Kein Drängen nach Aktivismus, kein Hadern mit der Welt. Eher ein Innehalten, ein Kraft tanken. 

Die letzten Monate waren wild. Das ganze Jahr eigentlich. Ich hab mich nie um das Feuerpferd geschert, aber rückblickend war es ganz schön feurig, auch in meinem Leben. Der Oktober, was ja eigentlich mein Lieblingsmonat ist, hat es mir dieses Jahr schwer gemacht. Oder – um es etwas positiver zu framen* – mir die notwendigen Pausen verschafft, die ich nicht in der Lage war mir selbst einzuräumen.

Im Oktober also war ich krank. Nichts Schlimmes, nur eine sich hinziehende Erkältung, die nach einer kurzen Pause wieder kam. Ich musste mich krank melden und ein paar Termine absagen. Jetzt, Ende Oktober, hatte ich das erste freie und gesunde Wochenende. Eine Wohltat. Das habe ich direkt genutzt, um hier Dinge zu ordnen, mir Freiräume zu schaffen. Denn Kreativität braucht Freiraum. Und damit meine ich nicht nur Zeit und Muse, sondern auch Ordnung um mich herum. 

Etwas ordnet sich im Novembernebel

Während ich im Aussen aufräume, ordnen sich auch die Dinge in mir drin. Ich kann wieder atmen. Das viele Wollen weicht einem ruhigen Frieden. Na klar habe ich eine lange Aufgaben- und Ideenliste. Aber gerade drängt mich nichts. Vielleicht ist das dieses allmähliche in die Antworten hineinleben, was Rilke meint. Bei mir beginnt es mit dem Aufräumen.

Ich bin gespannt, was der November bereithält, was vor mir auftaucht, von dem, was ich im Novembernebel noch nicht sehen kann.

*Framing (engl. frame = Rahmen) ist ein Begriff aus der Psychologie und bedeutet, einer Situation, einem Ereignis, einer Information oder einer Botschaft einen bestimmten Deutungsrahmen zu geben. An den Fakten ändert sich nichts, aber die Darstellung und Deutung einer Situation beeinflusst, wie wir sie wahrnehmen und bewerten. Dadurch verändern sich auch unsere Emotionen und Reaktionen.

Bsp: Das Glas ist halb voll/halb leer. Je nach Sichtweise ist es eine positive oder negative Deutung, obwohl in dem Glas immer die gleiche Menge an Flüssigkeit ist.

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