Alexandra Bohlmann ruft auf, ihr meinen Projektfriedhof zu zeigen. Das Thema hat mich sofort angesprochen. Nicht, weil ich stolz auf meine UFOs (Unfinished Objects) bin, sondern weil es so herrlich ungeschönt und ehrlich ist. Auf Social Media wird uns oft genug ein schönes, perfektes und knitterloses Leben vorgegaukelt. An Zielen dranbleiben, Dinge auf die Reihe kriegen, Projekte abschließen. Das echte Leben sieht anders aus. Vor allem, wenn man noch dazu viel-interessiert, neurodivers oder anders sprunghaft ist, oder der Alltag einfach immer wieder dazwischengrätscht.
Willkommen auf meinem Projektfriedhof
Also gebe ich dir heute mal Einblick in meinen Projektfriedhof. Friedhof ist vielleicht ein bisschen krass. Nennen wir es Warteschleife. Manche unfertigen Projekte dümpeln einfach nur vor sich hin. Ich nehme sie kaum wahr, sie co-existieren in meinem Haushalt, bei jeder Aufräumaktion dürfen sie bleiben. Jahrelang. Dazu zählen angefangene Strickprojekte oder Näharbeiten, die in ihrer Box ruhen.
Andere hingegen sind ständig präsent, mahnen durch ihre Unperfektion und rauben mir Nerven und Kapazitäten. Ich sehe sie fast täglich, und sie kosten mich Hirnschmalz. Das sind die gefährlicheren, weil sie wie offene Tabs im Browserfenster sind. Wollte ich noch lesen. Mach ich irgendwann mal. Diese offenen Schleifen müllen meine Festplattenkapazität im Gehirn zu. Ich will sie am liebsten loswerden und freue mich, wann immer ich mich ihnen widme und einen Schritt weiterkomme. Sie sind meist nicht so dringend und nagend, bringen kein Geld oder anderen sofortigen Gewinn. Aber einfach loslassen geht auch irgendwie nicht. Und so entsteht nach und nach eine Last, die auch Loop-Last oder kognitive Last genannt wird.
Das kannst du dir so vorstellen:
Offene Loops und kognitive Last
Wir unterscheiden zwischen unserem Wach- und unserem Unterbewusstsein. Während das Unterbewusstsein langfristiges Wissen und Erfahrungen speichert, ist das Wachbewusstsein vereinfacht dargestellt unser Arbeitsgedächtnis. Es ist für Problemlösungs- und Informationsverarbeitungsprozesse zuständig. Aktuell geht man noch davon aus, dass die Kapazität des Wachbewusstseins begrenzt ist und nur eine bestimmte Menge an Informationen aufrechterhalten kann.
Ein bisschen kann man das mit einem Computer vergleichen. Das Unterbewusstsein entspricht unserem Festplattenspeicher. Dort sind alle Dateien und Programme gespeichert. Das Wachbewusstsein wäre in diesem Vergleich dann der Arbeitsspeicher. Der ist nötig, damit die Programme geladen werden können, Dateien und Anwendungen laufen. Hierfür ist eine schnelle Rechenleistung nötig. Täglich strömen auf unser Gehirn pro Sekunde zahlreiche Informationen (Töne, Gerüche, Reize …) ein. Davon kann unser Gehirn mit seinem Wachbewusstsein nur einen Bruchteil verarbeiten.
Unser Gehirn kann Aufgaben nur eine nach der anderen erfüllen. Sogenanntes Multitasking, viele gleichzeitige Aufgaben und offene Loops verursachen einen Overload (Überlastung) im Wachbewusstsein. Es entsteht im Unterbewusstsein eine sogenannte Loop-Last. Das ist ein bisschen wie mit der Wäsche. Was du nicht weggewaschen bekommst, stapelt sich immer mehr.
Loop-Last führt dazu, dass du abends nicht zur Ruhe kommst, dein Gehirn Gedankenschleifen produziert, dein Stresshormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet wird. Man kann sich denken, dass das auf Dauer zu Problemen, Stress und Überforderung führt. Oder bei der Wäsche: sie fängt an zu stinken.

Mein Projektfriedhof im Überblick
Nach diesem kleinen Ausflug in die stark vereinfachte Funktionsweise unseres Gehirns komme ich nun zurück zu meinen offenen Projekten. In einer unvollständigen (haha) Liste wären zu erwähnen:
- zahlreiche angefangene und noch nicht zu Ende gelesene Bücher
- der noch immer nicht finalisierte Umzug des Kursraums von LearnDash/Digimember zu ThriveCart Learn (was nun auch noch zum Ende des Jahres zur ThriveCart Academy wird und mir das Gefühl gibt, wieder von vorn anfangen zu müssen. Nicht ganz. Aber es stresst mich dennoch.) Der alte Kursraum hat regelmäßig technischen Schluckauf – die Plugins verursachen Fehlermeldungen und andere Unannehmlichkeiten.
- angefangene Notizbücher & Projektideen (Salbei zeichnen, Fastenzeittagebuch, mein Friedensprojekt …)
- der Garten – vielleicht sollte ich ihn nicht als unfertiges Projekt, sondern als lebendiges Biotop betrachten
- die Fotoalben der Jungs!
- eine begonnene und viel zu groß gewordene, aber nie aufgetrennte Strickjacke
- handgenähte Hexies auf Pappschablonen für kleine Quiltprojekte
- ein Lace-Schal
- ein Sockenpaar, an dem ich schon seit bestimmt zwei Jahren stricke – eine Socke ist fertig, die andere noch in Arbeit
- unser Haus – da gibt es noch so viele Baustellen und Provisorien. Nun leben wir schon über 10 Jahre hier und man könnte eigentlich wieder mit Renovieren und Instandhalten beginnen. Rund um das Haus sind noch so viele Dinge unfertig, weil einfach das Geld und/oder die Zeit und das Know-how fehlen.
- meine Website
- angefangene Onlinekurse
- die Legokiste, die ich schon ewig sortieren und verkaufen will

Was darf liegen bleiben, was soll fertig werden?
Das sind über zehn angefangene Projekte, zum Teil mit Unterprojekten. Ein Fass ohne Boden. Am längsten liegt die Strickjacke herum. Ich werde sie auch nie beenden. Die Wolle dazu habe ich auf einem Flohmarkt in Freiburg gekauft. Sie ist dick und schwer. Ich müsste die Jacke auftrennen und mit der Wolle etwas Neues machen, die Jacke neu beginnen oder die Wolle weiterreichen. Am liebsten würde ich die zweite Socke und den Lace-Schal fertig haben. Daran arbeite ich gerade. Aber ich habe nur wenig Stricklust. Wenn sie wieder entfacht ist, geht es ganz schnell. Da bin ich mir sicher. Beim Garten bin ich mir sicher, dass er nie fertig sein wird. Ebenso das Haus. Das ist und bleibt ein lebendiger Prozess. Und genau so muss ich wohl auch Website und Kursräume betrachten. Die Entwicklung ist einfach so schnell, da komme ich kaum hinterher, so ohne Team.
Begonnene Skizzenbücher und Kunstprojekte kann ich gut liegen lassen. Manchmal widme ich sie um, manchmal zeichne ich weiter oder mache etwas anderes damit. Da weiß ich, dass ich sprunghaft bin (auch wenn ich es mir oft genug anders wünsche). Zu anderen Projekten mache ich mir gelegentlich einen Umsetzungsplan. Ich lege dann Sprints ein, um das Projekt weiter voranzubringen. Das mache ich bei den Fotoalben so oder bei Website und Kursraum. Anders geht es nicht. Momentan arbeite ich an der zweiten Socke. Sie liegt hier präsent im Wohnzimmer, sodass ich auch bei Unlust immer mal eine Reihe daran stricken kann.

Was hilft gegen die Loop-Last
An dieser Stelle komme ich nochmal zur kognitiven Last zurück. Natürlich wäre es wunderbar, einfach alle Projekte zu beenden und dich damit von der kognitiven Last zu befreien. Aber du weißt, genauso gut wie ich, dass das eine Illusion ist. Was hilft also, die kognitive Last zu mindern und mit den UFOs umzugehen? Hier ein paar Ideen:
- Sage nein, sodass keine neuen Projekte hinzukommen. (ahahahaa)
- Vergib dir täglich. Es ist einfach nicht möglich, alle Aufgaben zu bewältigen. Sei also gut zu dir.
- Schreib dir alle offenen Projekte auf. Dann sind sie zumindest aus dem Kopf heraus.
- Führe eine Ideen-Liste. Dort notierst du dir Projekte und Ideen, statt sie sofort zu beginnen und das nächste UFO zu erschaffen.
- Von allen Projekten, die unfertig herumliegen: Welches ist dir gerade am wichtigsten, dass es fertig ist? Was ist der kleinstmögliche Schritt, mit dem du weiterkommst? Setze ihn innerhalb der nächsten 72 Stunden um.
Was liegt auf deinem Projektfriedhof herum?
Wenn du Lust hast, dein Kreativchaos zu ordnen und Struktur in zumindest diese Ecke des Projektfriedhofs zu bringen, mach die 21-Tage Challenge „Ordnung im Kreativchaos“. 21 kurze Impulse und Aufgaben helfen dir, dranzubleiben.

***
Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine virtuelle Teekasse. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3



