Nachgefragt – ein Interview mit Jennifer Husain

Nachgefragt ist eine Interviewreihe mit anderen KalligrafInnen und SchriftkünstlerInnen. Ich finde es selbst sehr inspirierend, mich mit KollegInnen auszutauschen, einen Einblick in ihre Arbeitweise und Motivation zu erhalten.

Um ihre zarten Schriftzüge und feine Ästhetik beneide ich Jennifer sehr. Sie hat ein Gespür für Schönheit und einen ganz eigenen Ausdruck in aller Formalität der Schreibschrift. Jennifer kenne ich als Blogleserin, mittlerweile haben wir uns auch schon getroffen und Fachgespräche unter Kolleginnen geführt. Wie schön und inspirierend auf so vielen Ebenen.

Ich freue mich sehr, dir heute Gwenifer-Kalligrafie und die Frau dahinter in meiner Interviewreihe vorstellen zu dürfen. Danke für deine Antworten und Bilder, liebe Jennifer.

Website :: Gwenifer
Instagram :: gwennifercalligraphy

Jennifer Husain

Schriftlich

Wie kam Kalligrafie in dein Leben? 

An einem meiner Geburtstage lag „Der Prophet von Khalil Gibran“ auf dem Geschenketisch. Die Ausgabe ist ergänzt um die kraftvollen kalligrafischen Werke von Hassan Massoudy. Der Zauber der (arabischen) Kalligrafie, der geheimnisvollen Welt zwischen den Buchstaben und der Wörter berührt mich seither. Die Formen der Schrift erschufen liebliche Klänge und flüsterten eine sanfte Melodie in mein Ohr und Herz. Eines verregneten Nachmittags lud mich ein Freund ein um gemeinsam japanische Buchstaben zu kalligrafieren. Daraufhin entschloss ich mich Kalligrafieunterricht zu nehmen und die Geheimnisse der Kalligrafie kennenzulernen. 

Was bedeutet Kalligrafie für dich?

Kalligrafie ist wie ein Steg zu zahlreichen Welten, die ich mit ihr betreten darf: der geruhsamen, klangvollen Welt, der rauschenden dynamischen Welt, der Welt der Beobachtung und Stille, der Welt des fließenden Atems, der Welt der Dankbarkeit,…sie ist der Steg zu Achtsamkeit und Bewusstsein, bereit um mit allen Winden über die Weite des Ozeans zu segeln. 

Wenn du nur mit drei deiner Schreibwerkszeuge arbeiten dürftest, welche wären das?

Bleistift, Spitzfeder und Pinsel.

Wie kommst du am besten in einen kreativen Schaffensmodus? Und wie schaffst du es, aus einer Schaffensblockade rauszukommen?

Das Bewegen der Feder, die Aufwärmübungen allein sind mir dabei sehr hilfreich. Oft reicht es aus mich einem anderen Thema zu widmen, Abstand zu gewinnen und ich sammle Lösungen von „unterwegs“ also ganz spontan ein. 

Woher bekommst du deine Ideen/was inspiriert dich? 

Ein Spaziergang in der Natur, das Beobachten und Lauschen im Freien, die Musik, der Tanz-aber auch spontane Gedankengänge während alltäglicher Aufgaben kann ich zu einem späteren Zeitpunkt oft einfließen lassen. Zudem erlebe ich den Austausch mit anderen Menschen als sehr inspirierend.

Welche Texte und inhaltliche Schwerpunkte finden in deine Arbeit? (Musik, Lyrik, Zeitgeschehen, spirituelle Texte…)

Ich lausche begeistert klassischer Musik beim Schreiben und lese gern Prosa, Biografien, Märchen, all das kann einfließen…

An welchen Projekten arbeitest du gerade? Was beschäftigt dich?

Momentan bereite ich mich inhaltlich auf die Workshops vor, die ich für Anfänger anbiete. Außerdem arbeite ich an verschiedenen Kunstdrucken und Originalen, die mich auf diesjährigen Künstlermärkten um Freiburg begleiten werden. Beim prozessvollen Gestalten beschäftigt mich die Frage nach Schönheit, Ästhetik und wie wir gemeinsam Geschichten erzählen können.

Persönlich

Was ist für dich kleines Glück?

Kleines Glück ist jeder Moment, der an mir rüttelt und durch all meine Sinne schwingt.

Hast du ein Morgenritual?

Gebet und Meditation, Dehnen, Einschreiben mit dem morgendlichen Kaffee.

Wie entschleunigst du deinen Alltag? Wobei entspannst du dich?

Tinte fließen sehen, Musik hören, Wiesen-und Waldluft den Körper durchströmen zu lassen, den Blick in die Ferne, in die Berge schweifen lassen-nichts zu wollen und nichts zu müssen. 

Welches Buch hat dich als letztes berührt?

Ich betrachte immer wieder gern ein Buch mit wunderschönen Illustrationen von Pamela Zagarenski-Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben. Es geht um eine wundersame Begegnung zwischen einem Fuchs und einem Mädchen. Es wird angeregt die Welt der Geschichten neu zu denken und Gedankenfäden mit viel Fantasie zu weben. 

Führst du ein Skizzenbuch/Tagebuch/Journal?

Ja

Wenn ja, was nutzt du dafür, wie sieht es aus und wie bewegst du dich darin?

Ich kritzel viel. Ich greife oft Formen auf um sie besser verstehen zu können. Es gibt ein Skizzenbuch für unterwegs und ein Journal für zuhause, was ich gerade versuche wieder mehr zu pflegen und zu ordnen. 

Perspektivisch

Was rätst du jemandem, der mit Kalligrafie anfangen möchte? Wo beginne ich, wie nähere ich mich dem Thema?

Das Bewusstes Beobachten und Kennenlernen der Formen schafft ein solides Fundament für die weitere Schreibpraxis. Beim Üben ist es wichtig wiederholt darauf zu achten, ob der Körper verkrampft.

Ich lade sehr gern ein, einen meiner Grundlagenworkshops zu besuchen. Es geht dabei um das erste Kennenlernen der Spitzfedertechnik und Buchstabenformen. 

Kalligrafie im 21. Jahrhundert: Wohin entwickelt sie sich? Welche Bedeutung hat sie?

Unser Alltag wird oft geprägt von Bewegungen, die sich auf technische Geräte beziehen: tippen, swipen, der Blick auf den Bildschirm gerichtet. Die Verbindung wird immer schneller, die Technik komplexer. Kalligrafie ermöglicht Auszeit um exakt gegenteilige Qualitäten zu beleben und sich das Handschriftliche zu bewahren. Gedanken, Phrasen, Gedichte, die uns begleiten können in übersetzter Form erlebbar gemacht werden. Es entsteht ein Raum des Spielens, des Kreativseins, ein Raum wird eröffnet, der mich ein Wort erfahrbar machen lässt und es kann in so unterschiedlicher Weise getan werden.