Geschriebene Schatten, gesammeltes Weiß

Geschriebene Schatten, gesammelt Weiß – so lautete der Titel des Workshops mit Torsten Kolle und der Kalligrafiegruppe Nürnberg letzte Woche, der auf Burg Feuerstein in Ebermannstadt stattfand. Passend zum Kursthema war die Umgebung bei unserer Ankunft in novemberliches Nebelgrau getaucht und der Ausblick vor dem Fenster wirkte ganz japanisch-grafisch. Konturen verschwammen im Hintergrund, nur die ganz vorderen windschiefen Kiefern zeichneten sich vor dem Hintergrund ab.

Das war ein guter Einstieg ins Thema. Als Textgrundlage hatten wir Auszüge aus den Büchern von Kenya Hara „Weiss” und Tanizaki Jun‘ichiro „Lob des Schattens”. Die Texte waren im Kursverlauf immer wieder Anlass für anregende Gespräche und Auseinandersetzungen. Welche Rolle spielen Schatten und Licht? Wie erleben wir das Dazwischen, die Dämmerung, den Nebel? Was passiert optisch, gestalterisch und in uns drin? Diese und viele andere Fragen beschäftigten uns neben dem Schreiben und Erlernen der Römischen Majuskel im Spektrum von Weiss, Grau und Schwarztönen.

Nach Anfangsübungen im scriptualen Schreiben und der Erkundung unserer Werkzeuge erlernten wir die Schrift. Nun wechselten wir zwischen Schreibübungen und experimentelleren Umsetzungen der Schrift. Wie gut, dass ich viel Papier dabei hatte, denn es entstand im laufe des Kurses ein ganz schöner Stapel an Übungsblättern.

Experimente und Gespräche

Ich probierte mich durch verschiedene Papiersorten: Skizzenpapier, Ingres, Aquarell und Naturpapiere. Schwarz, Grautöne und Weiß, mit Guache, Tusche und grauer Aquarellfarbe. In den Pausen war es immer schön, auch die Arbeiten der anderen Teilnehmer:innen zu sehen, Austausch und Gespräche zu haben, über Komposition und Kalligrafie zu diskutieren.

Auch ein Schreibtief hatte ich während der Zeit. Wo ich plötzlich keine Lust mehr hatte, Buchstaben auf das Papier zu schreiben. Ich habe dann meine Übungsblätter gefaltet und zu kleinen Skizzenheften arrangiert. Torsten hatte uns zu beginn des Workshops zwei seiner Skizzenhefte zum Thema gezeigt, die mich sehr inspiriert haben. Ich mag diese Art des interaktiven Gestaltens, des Reagierens auf neue Situationen auf Papier, die entstehen, wenn ich umblättere, neu arrangiere, nur Teile des Blattes sehe.

Es tat mir gut, mich wieder für einen längeren Zeitraum intensiv auf ein Thema einzulassen, neue Ebenen und Blickwinkel zuzulassen, zu schreiben und zu experimentieren, mein Repertoire um eine Schrift zu erweitern, im Innen die Spuren auf Papier nachklingen zu lassen (und umgekehrt).

Meine Texte zum Thema waren einzelne Worte aus den vorgeschlagenen Texten, aber auch Gedichte von Hilde Domin, Mascha Kaleko und Giannina Wedde.

Die Mittagpausen nutzte ich für kleine Spaziergänge durch das angrenzende Wäldchen, für das Sammeln von Novemberschönheit und frischer Luft. Das Alleinsein hat mir gut getan, genau so der Austausch mit Kolleg:innen. Es ist also neben dem Schreiben und Gestalten noch ganz viel auf anderen Ebenen passiert, darf nun wirken, sich setzen und arbeiten.

Insgesamt hat mir die Auszeit gut getan, mich mit neuen Impulsen und Inspirationen versorgt, mich genährt und gefreut. Es gab jedoch auch eine Ebene, die mich sehr angestrengt und mir viel abverlangt hat. Das war ganz eindeutig die Situation, in einer Gruppe von Menschen zu sein, immer mit der Angst im Genick, was passiert, wenn der Test positiv ausschlägt. Das Ringen mit der Angst, mit Verantwortung und einfach die gesamte Situation, die wir nunmal gerade haben. So habe ich beschlossen, dass ich meine nächste geplante Reise absagen werde. Der Stressfaktor ist mir zu hoch. Ich fühle mich in meinen eigenen vier Wänden sicherer, möchte mich passend zur Jahreszeit einmuckeln und die Langsamkeit finden. Und dort vielleicht noch ein bisschen das Thema nachklingen lassen: Geschriebene Schatten, gesammeltes Weiß.

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2 Kommentare zu „Geschriebene Schatten, gesammeltes Weiß“

  1. Uff, deine Kaleko-Umsetzung hat mich gerade richtig berührt!
    Ich bin ja keine große Freundin der Fraktur und freue mich sehr über die ungebrochene Majuskel in diesem Beitrag, großzügig und weit.
    Den Dichtestress, den du beschreibst, kann ich (trotz Impfung) so gut nachempfinden.
    Ich habe mich in den letzten Wochen an Sisse Fog Odgaards Textilkunstprojekt “10.000 Shadows” beteiligt. Es hat mir gut getan, in dieser Situation an einem kollektiven Projekt zu arbeiten. Vielleicht spricht es dich ja auch an. Sie nimmt noch bis Ende dieses Jahres Schatten an.
    https://eng.sissefogodgaard.dk/portfolio/10-000/
    Ihr Strickmuster findest du auch bei Ravelry.

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