Nachgefragt – Ein Interview mit Torsten Kolle

Nachgefragt ist eine Interviewreihe mit anderen KalligrafInnen. Ich finde es selbst sehr inspirierend, mich mit KollegInnen auszutauschen, einen Einblick in ihre Arbeitweise und Motivation zu erhalten.

Meinen ersten Kalligrafiekurs bei Torsten Kolle hatte ich 2015 im Kloster Mariensee. Seine Arbeit spricht mich auf so vielschichtige Weise an, dass es mir eine Freude ist, immer wieder in seine Kurse zu gehen und mir so eine kalligrafische Auszeit vom Alltag zu gönnen. Ich erlebe seine Arbeit auf hohem Niveau, von persönlicher Nähe und didaktischer Fertigkeit. Jedesmal wieder bereichernd.

Lieber Torsten, danke, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Torstens Arbeiten, Kurse und Tun findest du auf seiner Website und Facebook.

Torsten Kolle

Kalligrafisch

Wie kam die Kalligrafie in Dein Leben?

Oh ja, wann war das nochmal? Vermutlich in der Grundschule, in der ich allerdings wenig Spaß beim Schreiben hatte. Irgendwie habe ich die Ansprüche meiner Lehrerin nie erfüllen können und ich war auch meistens der Langsamste der ganzen Klasse. Das war deprimierend. Später musste ich während meiner Berufsausbildung Wochenberichte – jeweils eine A4-Seite – in DIN-Schrift schreiben. Das war nun auch nicht wirklich aufregend und die Ausbildung dauerte ganze dreieinhalb Jahre! Ich hätte da niemals gedacht mich mit geschriebener Schrift weiter beschäftigen zu müssen, aber es kam bekanntlich alles anders! In meinem Graphik-Design Studium an der FH Hildesheim war mein Lehrer Gottfried Pott und der hat mich für die Kalligraphie so begeistert, dass ich schon nach wenigen Semestern beschloss die Schriftgestaltung zu meinem Studienschwerpunkt zu machen. Ich hatte damals unglaublich viel Glück ihn zu treffen!

Was bedeutet Kalligrafie für Dich?

Kalligrafie ist für mich eine Leidenschaft – manchmal auch in diesem Wortsinne: Leiden–schafft. Trotzdem finde ich in diesem künstlerischen Medium unglaublich viel Erfüllung. Die Möglichkeit Worte und Gedanken – also Sprache – mit relativ einfachen Mitteln visualisieren zu können ist mir sehr wichtig. Darüber hinaus ermöglicht mir das Schreiben, durch den meditativen Vorgang, eine Ruhezone zu schaffen in der ich Loslassen und viele Dinge reflektieren kann.
Nicht zu vergessen natürlich die Möglichkeit in meinen Workshops Menschen zu treffen, die diese Leidenschaft teilen und mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Wenn du nur mit drei deiner Schreibwerkszeuge arbeiten dürftest, welche wären das?

Vermutlich wären das ein Automatic-Pen, ein asiatischer Spitzpinsel und eine Bandzugfeder.
Aber da fehlt noch mein allerliebstes Werkzeug und das ist immer noch ein HB Bleistift. Der schreibt immer, trocknet niemals aus und meine Finger bleiben beim Schreiben sogar halbwegs sauber! Also, das wären jetzt vier ­– ist das auch okay?

Wie kommst Du am besten in einen kreativen Schaffensmodus?

Meistens benötige ich eine gewisse Ruhephase bevor ich die Werkzeuge in die Hand nehme um mir bewusst zu werden was ich eigentlich in meinem künstlerischen Tun entwickeln will. Da die Kalligraphie aber mein Beruf ist, ergibt sich im Alltag auch eine gewisse Routine in der ich nicht viel Anlauf benötige. Das heißt, ich bereite mich auf ein bestimmtes kalligraphisches Thema im Vorfeld eines Workshops vor, arbeite an einem Auftrag oder ich habe das Privileg für mich ganz frei arbeiten zu können. Wobei ich mich nicht immer so frei fühle wie ich das gern hätte. Es gibt ja immer Ansprüche die man an sich selbst stellt oder meint, die irgendwann einmal gehörten Ansprüche Anderer erfüllen zu müssen. Davon sollte man sich natürlich lösen können. Wenn das erreicht ist, kann so etwas wie künstlerische Freiheit erzielt werden.

Wie schaffst Du es, aus einer Schaffensblockade herauszukommen?

So eine Blockade ist immer wie in einem Stau zu stehen und da hilft nur Abwarten. Zum Glück habe ich während des Studiums ein paar Strategien gelernt um das Warten zu verkürzen oder schon im Voraus Signale wahrzunehmen die eine Blockade andeuten. Somit kann ich einige Dinge verändern und mit Frustphasen gelassener umgehen.
Denn manchmal hilft es ja schon, ein Werkzeug auszutauschen oder eine andere Farbe, ein anderes Papier zu verwenden oder die Musik im Hintergrund lauter zu drehen. Blockaden sind nie schön aber inzwischen kann ich sie besser akzeptieren um Neues zu entdecken oder eine alte Haut abzustreifen, das ein bisschen wie im wirklichen Leben.

Woher bekommst Du Deine Ideen/was inspiriert Dich?

Am Anfang steht oftmals ein diffuses Gefühl mich mit einem Thema kalligraphisch zu beschäftigen. Irgendetwas interessiert mich z. B. an einem Gedicht, einem Musikstück oder einfach einem Wort, das ich irgendwo zufällig aufgeschnappt habe. Ich weiß aber oft selbst noch nicht genau was mich daran beschäftigt. Dann muss ich auf dem Papier anfangen kalligrafisch zu spielen. Dabei begleiten mich, wenn ein Projekt wirklich gut werden soll, zwei Dinge: Wut und Liebe.
Aus der Wut entsteht bei mir die nötige Motivation und Energie die ich in den kalligraphischen Ausdruck einfließen lasse. Und die Liebe zur Form und zum Thema ist für mich ebenfalls wichtig um mich mit dem was ich gerade mache identifizieren zu können.
Inspiration bieten mir aber auch Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler.
Ich gehe sehr oft in Ausstellungen und versuche mein Denken und Tun durch das Betrachten anderer Sichtweisen zu überprüfen oder auch in Frage zu stellen. Generell sind Fragestellungen sehr wichtig für mich. Fragen die in meinen Gedanken kreisen stimulieren meine Neugierde. Auch in meinen Arbeiten versuche ich durch die Textarbeit und einer Komposition Situationen zu schaffen, die die Informationen nicht zu schnell beantworten. Somit hat der Betrachter die Möglichkeit eigene Gedanken zum Thema entwickeln zu können. Das hoffe ich jedenfalls…

Welche Texte und inhaltliche Schwerpunkte finden sich in Deiner Arbeit? (Musik, Lyrik, Zeitgeschehen, spirituelle, Texte…)

In meiner Studienzeit ist die Musik für mich immer ganz nah mit meiner künstlerischen Arbeit verbunden gewesen. Egal ob Lieder oder auch Instrumentalmusik. Ich habe von Anfang an eine Verbindung von Kalligraphie und Musik gespürt und ich glaube das hat mit dem Rhythmus zu tun. Auch eine Sprech-Stimme lebt durch Rhythmus und Betonung. Dadurch haben wir in der verbalen Kommunikation verschiedenen Möglichkeiten unserer Stimme Ausdruck zu verleihen und das versuche ich in meinen Arbeiten umzusetzen. Worte oder Textpassagen die mir innerhalb eines Textes wichtig erscheinen finden sich oftmals deutlicher in der Schriftgestaltung wieder.

An welchen Projekten Arbeitest Du gerade? Was beschäftigt Dich?

Ende letzten Jahres waren meine Frau und ich in einem Tanztheaterstück mit dem Titel „Dein Herz ist meine Heimat”. Die Tänzerinnen und Tänzer haben zu Shakespeares’ Sonette Tanzsequenzen entwickelt. Das hat mich sehr fasziniert und seitdem arbeite ich mit Textelementen aus einer Reihe dieser Sonette und experimentiere kalligrafisch sehr viel mit handschriftlichen Elementen.

Persönlich

Hast Du ein Morgenritual?

Eine Tasse Tee ist wunderbar!

Wie entschleunigst Du Deinen Alltag? Wobei entspannst Du Dich?

Meine Arbeit bietet mir tatsächlich schon Entschleunigung, sehen wir einmal von den angesprochenen Blockaden und Termine ab… Aber wenn ich mich nicht gut fühle hilft auch immer viel frische Luft und Bewegung.

Welches Buch hat Dich als letztes berührt?

Das war „4 3 2 1” von Paul Auster*. Ich habe inzwischen viel von ihm gelesen und er gehört zu meinen Lieblingsautoren. Außerdem ein Kunstbuch über William Kentridge mit dem Titel „Refusal of Time”*. Ich bewundere die Arbeiten dieses Künstlers sehr.

Führst Du ein Skizzenbuch/Tagebuch?

Ja, ständig. Skizzenbücher sind für mich wie Tagebücher und ebenfalls eine Leidenschaft. Darin zu arbeiten ist für mich auch sehr entspannend, denn dort muss ja nichts perfekt sein. Und vielleicht liegt es daran, dass einige meiner Skizzenbuchseiten besser sind als die „gewollten” auf einem noch so schönen Büttenpapier.

Wenn ja, was nutzt Du dafür, wie sieht es aus und wie bewegst Du Dich darin?

Ich arbeite nicht jeden Tag ein bestimmtes Pensum in einem Skizzenbuch ab, aber ich trage meistens eines bei mir. Man weiß ja nie, wann einem etwas Wichtiges begegnet.
Ein festes Schema oder eine bestimmte Regel verfolge ich dabei nicht. Das fände ich auch schon wieder zu einengend. Daher hat wohl jedes meiner Bücher einen anderen Schwerpunkt, es spiegelt vermutlich immer die Zeit wider in der ich es verwendet habe. Das betrifft auch die Werkzeuge und andere Materialien die ich zum Arbeiten darin benutzt habe.
Im Rückblick finde ich es immer wieder spannend in älteren Skizzenbüchern zu blättern. Ich sehe rückwirkend darin meine Entwicklung, wie einen Film den ich zurückspule. Manchmal muss ich aber auch erkennen, dass ich vor Jahren schon bessere Ideen gehabt habe als gerade eben und freue mich die früheren Gedanken nun wieder zu finden und kann sie eventuell in einem aktuellen Projekt wieder aufgreifen.

Perspektivisch

Was rätst Du jemandem, der mit der Kalligrafie anfangen möchte? Wo beginne ich, wie nähere ich mich dem Thema?

Nach all den Jahren der Beschäftigung mit dem Medium Kalligrafie und der Schriftgestaltung denke ich, es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Annäherung. Die erste Möglichkeit ist der klassische Weg über das Erlernen und Studieren historischer Alphabete. Dabei lassen sehr viele technische Fragen zu Werkzeugen und Materialien klären und es lässt sich sehr viel über verschiedene Formensprachen der lateinischen Schrift erlernen. Das geht z. B. durch Selbsttraining mit Büchern oder Quellen aus dem Internet. Es ist aber aus meiner Sicht Glückssache ein richtig gutes Buch für den Einstig zu finden und daher empfehle ich immer auch Kurse zu besuchen. Es ist enorm hilfreich im Austausch mit anderen Menschen zu sein die sich ebenfalls für dieses Thema interessieren. Und wenn man dann noch das Glück hat eine gute oder sehr gute Referentin/-en zu finden hat man erst einmal ausgesorgt.
Die zweite Möglichkeit bietet die Auseinandersetzung mit der eigenen Handschrift. In der zeitgenössischen Kalligrafie finden wir teilweise hervorragende Künstlerinnen und Künstler, die geschriebene Schrift sehr spannungsvoll in Szene setzen ohne den ganzen schriftgeschichtlichen Background zu haben. So lässt sich ohne großen Aufwand beginnen, z.B. nur mit einem Bleistift und Papier! Und auch für diesen Bereich gibt es ja inzwischen Kursangebote um noch weitere Impulse für die eigene Weiterentwicklung zu bekommen.

Kalligrafie im 21. Jahrhundert: Wohin entwickelt sie sich? Welche Bedeutung hat sie?

Das ist nicht so einfach vorherzusagen. Ich selbst finde es, trotz meiner traumatischen Schreiberfahrungen in der Schulzeit (lacht) schade, dass den Kindern in einigen Bundesländern scheinbar nur noch beiläufig das Schreiben zusammenhängender Wortbilder beigebracht wird. Das Erlernen einer Sprache oder anderen komplexen Zusammenhängen ist aus meiner Sicht eng mit dem Schreiben verknüpft, da eine Verbindung eines Wortklanges mit einem Wortbild in unserem Gehirn besser abgespeichert wird. Auf der anderen Seite finden wir neben der Kalligrafie auch wunderbare Neuentwicklungen in der Schriftgestaltung wenn wir an Graffitis, Street Art oder dem Lettering denken. Viele Menschen haben scheinbar ein Bedürfnis sich mit dem Thema Schrift–Sprache–Form auszudrücken – und die Vielfalt dabei ist fantastisch!

 

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11 Kommentare zu „Nachgefragt – Ein Interview mit Torsten Kolle“

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