Nachgefragt – Ein Interview mit Gisela zur Strassen

Nachgefragt ist eine Interviewreihe mit anderen KalligrafInnen. Ich finde es selbst sehr inspirierend, mich mit KollegInnen auszutauschen, einen Einblick in ihre Arbeitweise und Motivation zu erhalten.

Gisela wohnt am Chimesee. Ich habe schon oft Angebote ihrer Kurse in meiner Umgebung gesehen, bin aber noch nie selbst in den Genuss gekommen, an einem teilzunehmen. Bei meinem letzten Kalligrafiekurs im Kloster Scheyern durfte ich Gisela persönlich kennenlernen. Ich mag ihre zarte Kalligrafie und das feine Gefühl für harmonische Kompositionen.

Sie war übrigens die erste, der ich von meiner Interview-Idee erzählt habe und die mir zugesagt hat, meine Fragen zu beantworten. Liebe Gisela, vielen Dank!

Giselas Website mit ihren Angeboten, Kursen und Referenzen

Gisela zur Strassen

Kalligrafisch

Wie kam Kalligrafie in dein Leben?

Schreiben und interessante Texte haben mich schon immer fasziniert. Die Kalligraphie hat mich in Form einer Ausstellung erobert, die ich eher durch Zufall besucht habe. Die Bilder, die Schriften und die zum Leben erweckten Texte haben mich so sehr begeistert, dass ich dachte: Das möchte ich auch können. Kurz darauf besuchte ich meinen ersten Kalligraphie-Workshop und seit diesen fast 20 Jahren ist die Kalligraphie nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken.

Was bedeutet Kalligrafie für dich?

Kalligraphie ist für mich Leidenschaft, Meditation, die Möglichkeit mich auszudrücken, meine künstlerischen Ideen umzusetzen, ganz und gar in der Welt von Buchstaben, Formen und Worten zu versinken und nicht zuletzt ist Kalligraphie inzwischen mein Beruf.

Wenn du nur mit drei deiner Schreibwerkszeuge arbeiten dürftest, welche wären das?

Oh je! Das zu beantworten ist eine echte Herausforderung. Wenn man meinen Schreibtisch mit all den Schreibwerkzeugen sieht, dann versteht man welch eine Reduzierung das wäre. Aber aus dem Bauch heraus könnte ich mich wohl mit Ziehfeder, Spitzfeder und AutomaticPen begnügen und ausreichend ausdrücken.

Wie kommst du am besten in einen kreativen Schaffensmodus?

Der entscheidende Faktor ist die Zeit und dies unter zwei absolut konträren Bedingungen. Wenn ich viel Zeit habe setze ich mich an meinen Arbeitsplatz sehe mir alle Notizen zu den Ideen durch, die sich angesammelt haben und beginne einfach zu spielen…das ergibt oft die spannendsten Ergebnisse. Oder ein Auftrag muss zu einem sehr nahen Zeitpunkt fertig werden, dann ist es oft so, dass unter einem gewissen Zeitdruck ebenfalls gute Ideen und eine ruhige Hand zu einem schönen Schrift-Bild führen. Entscheidend ist es wohl, dass ich mich auf das was ich vorhabe ganz und gar einlasse und in Gedanken vollkommen bei mir und beim Schreiben bin!

Und wie schaffst du es, aus einer Schaffensblockade rauszukommen?

Am besten funktioniert es Abstand zwischen mich und die Arbeit zu bringen! Ein Spaziergang, mich mit Freunden treffen oder andere Erledigungen machen…das hilft bei mir oft schon den festgefahrenen Blickwinkel auf meine Projekte zu verändern und neue Inspirationen zu bekommen.

Woher bekommst du deine Ideen/was inspiriert dich? 

Meist ist es ein Text, der mich anspricht, den ich gerne „in Szene setzen“ möchte. Ich habe immer und überall offene Ohren für schöne Worte, Texte oder kleine Randbemerkungen, die es wert sind kalligrafisch umgesetzt zu werden. Aber manchmal ist es auch der umgekehrte Weg, der zu einer Idee führt. Ich übe z.B. an einer Schrift oder einer gestalterischen Tätigkeit als Vorbereitung für ein Kursthema und plötzlich entstehen dazu Bilder im Kopf, wie ich daraus eine spannende Arbeit machen könnte…dann suche ich passende Worte dazu. Oder ich finde etwas, das ich mir sofort beschriftet vorstellen kann, alte Fensterrahmen, Treibholz, Steine und vieles mehr.

Welche Texte und inhaltliche Schwerpunkte finden in deine Arbeit? (Musik, Lyrik, Zeitgeschehen, spirituelle Texte…)

In erster Linie „verarbeite“ ich Lyrik aus verschiedenen Epochen. Aber auch zu zeitgenössischen Texten, oft mit spirituellem Hintergrund, finde ich Zugang…sie sprechen mich einfach an. Manchmal ist es auch nur ein einziges wertvolles Wort das aufs Papier kommt. Je nach „Tagesform“ wechselt das Genre schon mal von Drama zu Lustspiel, aber immer mit einem gewissen Tiefgang.

An welchen Projekten arbeitest du gerade? Was beschäftigt dich?

Neben meiner Arbeit an Aufträgen und Kursvorbereitungen suche ich immer wieder nach eigenen Herausforderungen, die mich auf meinem künstlerischen Weg weiterbringen. Momentan arbeite ich an der Verbindung von klassischer Kalligraphie und expressiver Handschrift mit Elementen der Malerei, mit Strukturen, Schablonen und Farbmitteln, um auch das auszudrücken, wofür Worte allein nicht ausreichen. Ich möchte meine Ideen, Versuche und Ergebnisse in einem ganz besonderen Buchobjekt verarbeiten. Mich beschäftigt dabei, zu aktuellen Themen und auch persönlichen Gedanken ganz unterschiedliche Herangehensweisen der Darstellung zu finden.

Persönlich

Was ist für dich kleines Glück?

In Bezug auf die Kalligraphie erlebe ich Glück, wenn ich Zeit habe ohne Druck und Zeitnot an meinen Ideen zu arbeiten, auszuprobieren wie sich Schriften mit verschiedenen anderen Techniken, wie Druck, Collage, Prägung oder Buchbindetechniken zu einem harmonischen, interessanten Ganzen zusammen bringen lassen. So entstehen neue Bilder im Kopf und auf dem Papier, die mich glücklich machen.

Hast du ein Morgenritual?


Ein festes Morgenritual habe ich nicht, da ich sehr oft unterwegs bin und für mich ein Ritual mit meinem Zuhause verbunden ist. Ich liebe es nach dem Aufwachen gleich an meinen Schreibtisch zu gehen und noch vor dem Frühstück zu schreiben. Da geistern noch schlaftrunkene Ideen in meinem Kopf herum, die ich gerne festhalten möchte.

Wie entschleunigst du deinen Alltag? Wobei entspannst du dich?

Auch wenn es abgedroschen klingt bedeutet die Kalligraphie für mich Entschleunigung. Ähnlich wie im Yoga komme ich beim Schreiben ganz zu mir selbst, andere Gedanken werden ausgeblendet, ich atme gleichmäßig und vergesse die Hektik, die mich vielleicht kurz zuvor noch im Griff hatte. Aber Entspannung finde ich auch draußen in der Natur, bei einem Spaziergang oder wenn ich einfach nur ein Buch lese.

Welches Buch hat dich als letztes berührt?

Das Lavendelzimmer von Nina George*. Es hat mich mit seiner poetischen Sprache in den Bann gezogen. Viele wunderbare Wortschöpfungen und ungewöhnliche Vergleiche machen es zu einem Lesegenuss, wenn man wie ich gerne mit Worten hantiert. In meinem Buch sind viele markierte Stellen, die zu schreiben ein Spaß wäre.

Führst du ein Skizzenbuch/Tagebuch/Journal? Wenn ja, was nutzt du dafür, wie sieht es aus und wie bewegst du dich darin?

Mein Skizzenbuch ist eher eine „Zettelwirtschaft“. Ich habe kein Buch, das ich immer und überall dabei habe, um meine Ideen, Gedanken und Skizzen festzuhalten. Ich wünsche mir manchmal, dass ich das könnte, aber stelle fest, dass ich das nicht durchhalte. Selbst das schönste Buch liegt bald wieder im Regal. Bei mir ist es eine besondere Schublade, in die alle Notizen von mir, Zeitungsartikel oder andere Inspirationen wandern und die ich durchforste, wenn ich einen Gedanken suche. Schon komisch, denn ich habe sogar einen Workshop zum Thema „Kalligrafisches Tagebuch“, das wir besonders liebevoll gestalten. Das scheint noch eines meiner persönlichen Themen zu werden.

Perspektivisch

Was rätst du jemandem, der mit Kalligrafie anfangen möchte? Wo beginne ich, wie nähere ich mich dem Thema?

Wer sich für die Kalligraphie interessiert macht am besten einen Schnupperkurs für Einsteiger. In einem Kurs erfährt man die wichtigsten Grundlagen zum Schreiben mit Feder und Tinte, man bekommt bei Problemen direkt Hilfe und kann alle Fragen stellen, die während des Übens auftauchen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber dem Lernen mit einem Buch.
Die Möglichkeiten in der Kalligraphie sind so umfangreich, dass ein Einsteigerkurs sicher nur einen ganz kleinen Teil abdeckt, weil meist nur eine Schrift unterrichtet wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man danach gut beurteilen kann, ob man tiefer einsteigen will, die Geduld und auch Zeit hat sich intensiv mit dem Schreiben zu beschäftigen.
Spielerischer geht man an die Materie heran, wenn man mit Handlettering beginnt und nicht ganze Alphabete übt, sondern einzelne Buchstaben in verschiedenen Schrifttypen verwendet.
Ratsam ist es aber immer sich vorab etwas über Kalligraphie zu informieren, um zu erkennen, dass es viel Übung braucht, bis ein gutes Ergebnis die Mühe belohnt.

Kalligrafie im 21. Jahrhundert: Wohin entwickelt sie sich? Welche Bedeutung hat sie?

In der Kalligraphie wird es weiterhin die traditionelle Form geben, die sich über das perfekte Schreiben historischer Schriften definiert und damit auch die unabdingbare Grundlage bildet für andere Strömungen. Immer mehr wird die Kalligraphie jedoch auch zu einer eigenen Kunstform, in der das geschriebene Wort neue Dimensionen erfährt, weg vom klar und gut lesbaren Text hin zu Schriftspuren und Kompositionen mit anderen Ausdrucksformen.
Meiner Meinung nach erfährt das „Handschriftliche“ im Zeitalter des Computers wieder deutlich mehr Beachtung, die Individualität handgeschriebener Texte hebt sich wohltuend von den uniformen Computerausdrucken ab. Mit dem Verfall der Schreibschrift in unserer Zeit wird die Kalligraphie in der Zukunft so wichtig wie nie, um ein wertvolles Kulturgut zu erhalten. Ich freue mich, meinen Teil dazu beitragen zu können und die Liebe zur Kalligraphie weitergeben zu dürfen.

 

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