Sommerpost – 18.August 2026 | Gelesen

Auf meiner Bingo-Karte stehen immer ein bis zwei Bücher, die ich pro Monat lesen oder zu Ende lesen will. Mal sind es Sachbücher, mal Romane. Mal sind es Bücher, die ich ganz neu anfange, mal welche, die bis auf ein paar Seiten, die ich noch lesen will, schon lange auf meinem Lesestapel warten. Wie heisst es so schön? Bücher kaufen ist ein völlig anderes Hobby als Bücher lesen. Das kann man auch auf Wolle, Künstlerbedarf, Bastelmaterial beziehen. Aber ich schweife ab.

Verbrenn all meine Briefe

Zu Weihnachten oder zu meinem Geburtstag, ich weiss es gar nicht mehr so genau, die Ereignisse liegen ja doch recht nah beieinander, habe ich von einer Freundin unter anderem das Buch „Verbrenn all meine Briefe“ von Alex Schulman geschenkt bekommen. Ein Roman, den ich erst jetzt im Sommer angefangen habe. Es fiel mir leicht, in die Geschichte hineinzufinden.

Liebes- und Familiengeschichte

Der Roman ist eine Liebes- und Familiengeschichte, die sich sehr spannend liest. Alex trägt eine unerklärliche Wut in sich, die sich durch seine ganze Familie zieht. Sie beginnt langsam, die Beziehung zu seiner Frau und zu seinen Kindern zu gefährden. Also macht er sich auf die Suche nach der Ursache und beginnt eine Reise in seine Vergangenheit hin zu seinen Großeltern.

In abwechselnden Perspektiven beschreibt der Autor einmal die Sicht von Alex im Jetzt, seinen Recherchen und Stationen, einmal Erinnerungen an seine Großeltern aus Kindersicht und einmal, was damals geschah mit Blick auf die Großeltern in jungen Jahren. Wie ein Puzzle setzt sich die Geschichte Stück für Stück zusammen, wird immer dichter und spannender.

Sie erzählt die Liebes- (und Leidens)geschichte seiner damals noch jungen Oma im Dreieck zweier Männer – einem, mit dem sie verheiratet war und aus dessen Verbindung sie sich nicht lösen kann, und einem, den sie liebt.

Berührend und tiefsinnig

Zutiefst betroffen gemacht hat mich, wie gefangen die junge Karin in ihrem eigenen Leben war. Sie hatte einige mutige Momente, aber am Ende hat sie es nicht geschafft, sich aus dieser Ehe zu befreien. Fasziniert hat mich dagegen, wie über eine so lange Zeit hinweg Zuneigung, Treue und eine Liebe bestehen können.

Ich mag solche tiefen, feinen Liebesgeschichten sehr. Und diese vergangene Zeit, in der man sich noch vorsichtig und zart näherte. Da steckt so viel Zärtlichkeit drin. Die Spannung hat mich gepackt – nicht nur im Verlauf der ganzen Geschichte, sondern auch in den einzelnen Situationen. Wie reagiert der Mann, wenn er entdeckt, dass sie sich heimlich mit ihrem Geliebten trifft? Wird er über die Affäre herausfinden? Ich fand die Situation aller Beteiligten sehr schmerzhaft zu lesen.

Besonders schön fand ich, als die Oma (Karin) ihrem Enkel sagt, dass sie sich selbst nicht erfüllen konnte, was sie sich versprochen hat. Aber dass sie immer versucht hat, ihr Leben mit Dingen zu füllen, die sie zufrieden machen.

„Sobald man das Gefühl hat, das Land, das nicht ist, sei verlockender als das Land, in dem man ist, ist man übel dran.“ (Verbrenn all meine Briefe, Alex Schulman, dtv, S. 262)

Diese Lebenseinstellung hat etwas in mir angeklungen und hat, wie ich finde, viel mit Mitmacht zu tun: Sich selbst kleine Inseln der Schönheit schaffen, kleine Rettungsanker und Fluchten – Orte, an denen man es auch in einem Käfig, in einem Korsett, aushalten kann.

Und am Ende des Buchs steht die Erkenntnis, dass sich Traumata und Wunden oft über Generationen forttragen. Dass wir selbst Rucksäcke tragen, die vielleicht gar nicht unsere eigenen sind, sondern schon viel früher in der Vergangenheit gepackt wurden und nun unsere Schultern beschweren.

Wenn du also auf der Suche nach einem bittersüssen, spannend geschriebenen Herzensroman mit angenehmer Tiefe bist, ist das eine Empfehlung von Herzen für dich.

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